Dieser Standort ist grenzgenial

Interview mit Heinz Lichtenegger, CEO Audiotuning und President Project Audio


Es gibt nur wenige Weltmarktführer in Österreich. Heinz Lichtenegger ist einer von ihnen. Vor 20 Jahren sah er voraus, dass es weiterhin einen Markt für Vinyl geben wird. Heute lässt er in drei Werken in Tschechien 120.000 Plattenspieler jährlich produzieren. Es gibt weltweit kaum ein gutes HIFI-Geschäft, das seine Produkte nicht führt und Künstler wie Parov Stelar oder Jack White suchen Kooperationen mit ihm. Sein Headquarter für den Export in 80 Länder errichtet er im Wirtschaftspark A5 und er ist dabei, hier mit dem weltweit vielfältigsten Produktportfolio aus unterschiedlichen Komponenten für hochwertige Mikro-HIFI-Anlagen eine weitere Zukunftsidee auf Erfolgskurs zu bringen.

 

Warum haben Sie sich für den Standort Wirtschaftspark A5 entschieden? Warum hier und nicht zum Beispiel im Süden von Wien, dem traditionellen Industriestandort?

Mistelbach als Standort ist grenzgenial, in London und Paris würde man eine Adresse, die 35 Minuten vom Stadtzentrum entfernt ist als Adresse London bzw. Paris angeben. Wir sind an der Peripherie von Brünn und Prag und über Nordautobahn und S1 an die Westautobahn angebunden. Einen derart guten Standort mit so günstigen Grundstückspreisen gibt es nirgends auf der Welt. Ich kann keinen verstehen, der jetzt im Süden von Wien baut.

 

Wie ist der Baufortschritt geplant?

Wir sind in der finalen Planungsphase, wissen auch schon wie das Gebäude aussehen wird. 2016 fangen wir an, Ende 2016 wird das Logistikzentrum fertig sein, 2017 gehen wir in Vollbetrieb, es folgt die Ausbaustufe mit Museum für den Industrietourismus. In Bezug auf das Aussehen des Gebäudes wird es eine Überraschung geben.

 

Welche Unternehmensbereiche werden Sie hier ansiedeln? Was ist geplant?

Bisher habe ich nur ein Büro in Wien, nun nehme ich auch die Logistik am Standort Wirtschaftspark A5 selbst in die Hand, damit ich den Umfang an Ware, den ich in Zukunft erwarte, bewältigen kann. Marketing, Fertigung von Edelprodukten sowie Special Assembling Products, weltweiter Technical Support, Schulungszentrum, Schauraum kommen an diesen Standort. Mit der Agentur Checkpoint Media, die auch für die Swarovski Kristallwelten und bei der Eröffnung des Red Bull Hangar-7 gearbeitet haben, werden wir ein Reiseziel für Industrietourismus schaffen. Eine Art Museum mit analogen Plattenspielern zum Anfassen und Hören, in dem gezeigt wird, wie ein Plattenspieler funktioniert oder wie man eine Anlage zusammenbaut.

 

Sie sind gebürtiger Weinviertler, aus welcher Ortschaft stammen Sie?

Ich lebte seit dem fünften Lebensjahr in Zistersdorf. In einer Familie mit sechs Kindern war das Geld immer knapp, daher arbeitete ich seit meinem 10. Lebensjahr auf der Tankstelle meiner Mutter mit und trug am Wochenende die Kronenzeitung aus. Es sprach sich bald herum, dass ich mich gut mit HIFI auskenne. Mit dem Verkauf der Geräte finanzierte ich mein Studium, zog nach dem Bundesheer nach Wien und eröffnete in einem Substandard-Lokal auf fünfzig Quadratmetern mein erstes Geschäft. Meine Idee war, den Leuten Produkte zu verkaufen, so gut wie möglich und mit so wenigen Komponenten wie möglich. Ich begann mehr und mehr HIFI-Geräte in Wien und dem Weinviertel zu verkaufen und zählte bald zu den zehn größten Händlern in Österreich.

 

Waren für Sie die in der Region verfügbaren Arbeitskräfte ein Argument für den Wirtschaftspark A5?

Ja, meine Mitarbeiter, die teilweise schon 25 bis 30 Jahre bei mir sind, kommen schon jetzt zu 70 bis 80 Prozent aus dem Weinviertel. Die Leute hier sind leistungsorientiert und verantwortungsbewusst. Sie sind mit einem fairen Anfangslohn und erst späterer der Leistung entsprechenden Steigerung zufrieden.


Vor Jahren haben Sie die Zukunft im Plattenspieler und die CD als Auslaufmodell gesehen. Warum?

In den 80ern meinte die Industrie, die CD ist viel besser als die Vinylplatte. Das Blöde war, wenn man zugehört hat, ist man draufgekommen, sie kommt an die Platte nicht heran. Der Markt wurde mit CDs überschwemmt, die Plattenspielerindustrie ging in Konkurs und ich hatte ein Problem: Ich konnte meinen Kunden nicht mehr dasselbe Klangerlebnis zu einem vernünftigen Preis bieten. Es gab zwar nach wie vor günstige Plattenspieler, aber die waren Mist.

 

Wo produzieren Sie in Tschechien? Seit wann?

Ich veranstalte regelmäßig zu Marketingzwecken Partys. Bei einer dieser Veranstaltungen lernte ich eine junge Frau aus Tschechien kennen, die Tochter der tschechischen Botschafterin. Sie brachte einen Plattenspieler mit und meinte, den hat sie von ihrem Onkel aus Tschechien und ob ich ihn einstellen kann. Er sah aus wie ein hässliches Entlein, alles andere war Weltklasse. An einem nebligen Tag fuhr ich nach Litovel, um mir das Werk anzusehen, das gerade zugesperrt werden sollte. Man hatte damals versucht auf Alternativprodukte wie Motoren für Waschanlagen oder Wasserkocher umzusteigen, eine Idee, die zum Scheitern verurteilt war. Ich kaufte 200 Plattenspieler, modifizierte sie und verkaufte sie in kurzer Zeit. Ich fuhr ein zweites Mal ins Werk und wollte mehr kaufen, doch das Management hatte kein anderes Interesse als den Betrieb zu zerschlagen. Mit dem mittleren Management konnte ich mich einigen und das Werk begann für mich zu produzieren. Einen der Plattenspieler schickte ich zu einem Test nach Deutschland. Der Pro-Ject 1 war auf Anhieb der beste.
Die Nachfrage war gleich in den 90ern da, es gab Leute, die kapierten, dass Vinyl besser klingt. Replacement Business wurde ein wichtiger Faktor, viele alte Plattenspieler wurden kaputt, die Reparatur kostete so viel wie ein neuer Pro-Ject.
Endlich war das Management überzeugt. Ich fand einen Partner, der die Fabrik kaufte und dem ich die Garantie gab, alles, was produziert wurde, zu kaufen. Der Analogmarkt stieg und wir hatten den großen Vorteil, dass wir Geburtshelfer und Katalysator waren und am Weltmarkt zu einer echten Brand wurden, zum Weltmarktführer. Wir gewannen zahlreiche Preise. In Berlin haben wir kürzlich wieder den Eisa-Award erhalten.

 

Wie viele Plattenspieler verkaufen Sie pro Jahr?

Anfang 2000 verkauften wir 30.000, relativ bald waren wir bei 50.000, 60.000 Stück. Der Boom setzte nacheinander in einzelnen Ländern ein, in England, in Kanada und in den Jahren 2012 und 2013 stiegen die Amerikaner ein. Jetzt sind es 120.000.
Mittlerweile habe ich mich zu einem großen Investitionsschritt entschlossen, weg vom Analogprodukt. Ich arbeite seit Jahren mit verschiedensten Entwicklern an der Idee, sehr kleine, kostengünstige HIFI-Geräte mit High-End-Klang zu entwickeln und sie in Europa zu produzieren. Sie bestehen aus Mikrokomponenten, die von den Kunden selbst zusammengestellt werden können. Wir produzieren auch den kleinsten CD-Spieler. Ich gehe davon aus, dass 30 Prozent der Menschen in den nächsten Jahren zum HIFI Stereo zurückkommen.

 

Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie?

In Österreich 25 bis 30. In drei Fabriken in Tschechien arbeiten für mich in Partnerschaft 500 Beschäftigte. Wir produzieren dort nicht nur Plattenspieler, die Elektronik macht mittlerweile 70.000 Stück pro Jahr aus. Je mehr wir in Richtung Produktion im Elektronikbereich gehen, desto eher wird sie in Österreich stattfinden.

Sind die Gemeinden Mistelbach und Wilfersdorf, die Betreiber des Wirtschaftsparks A5, entgegenkommend gewesen, hat man Sie unterstützt?
Ich sehe es als großen Vorteil an, mit diesen Gemeinden zusammenarbeiten. Man kann offener reden, kommt direkter zum Ergebnis, ohne Bürokratismus. Man hat ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit. Ich fürchte mich auch nicht vor den ganzen Betriebsanlagen-Genehmigungen. Ich habe das Gefühl, man ist willkommen, es gibt ein Interesse an der Sache.

 

Welche Märkte werden Sie von hier aus bearbeiten?

Die ganze Welt, wir werden bei Konferenzen internationales Publikum haben. Von Norwegen bis Brasilien wird die Welt das Weinviertel kennenlernen. Die größte Problematik ist allerdings: Wir brauchen unbedingt gute Unterkünfte.

 

Wie groß ist ihre eigene Plattensammlung?

24.000 Platten. Mein Musikgeschmack hat sich über Rock, Pop, Deep Purple, Jazz, Rock, Flower Power in Richtung Klassik entwickelt. Eine Persönlichkeit hat meine Karriere sehr beeinflusst, Manfred Schilder, ein Lehrer, der uns während des audivisuellen Musikunterrichts im BRG Gänserdorf mit einer tollen Anlage näherbrachte, wie Oper klingen kann.

 

Sie arbeiten immer wieder mit Künstlern zusammen. Am spannendsten war wohl die Eisschallplatte, bei der eigens komponierte Musik auf schmelzenden Tonträgern abgespielt wurde. Hält der Pro-Ject das Wasser aus?

Ja, der hält das aus. Es kommen immer wieder Künstler zu mir und wir unterstützen Kunstprojekte. Vielleicht beleben wir dieses Projekt mit der Eisschallplatte im Logistikzentrum im Wirtschaftspark A5 wieder.